Wissenschaft kompakt
Die Eisheiligen: Nur ein Mythos?
Gibt es die Eisheiligen oder sind sie nur ein Mythos? Wir gehen
dieser Frage heute auf den Grund.
Wenn es nach den ersten warmen Frühlingstagen im Mai zu einem
plötzlichen Kälterückfall kommt mit Nachtfrösten oder gar Schnee,
wird das gerne den sogenannten "Eisheiligen" zugeschrieben. Zu den
Eisheiligen, die gerne auch "Gestrenge Herren" oder "Eismänner"
genannt werden, zählen die fünf katholischen Heiligen Mamertus,
Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia, die nach dem
julianischen Kalender zwischen dem 11. und 15. Mai ihren Namenstag
haben. Mehreren Bauernregeln zufolge sollen sich in diesem Zeitraum
späte Frostnächte häufen. Um es vorweg zu nehmen: Die Eisheiligen
haben, im Gegensatz zu einigen anderen sogenannten
"Witterungsregelfällen" wie dem "Siebenschläfer" oder dem
"Weihnachtstauwetter", keine große Aussagekraft. Warum sie als
meteorologische Singularität deswegen umstritten sind, soll in der
Folge erläutert werden.
Ein grundlegendes Problem ergibt sich schon alleine aus der Tatsache,
dass sich die Namenstage auf den julianischen Kalender beziehen. Im
Zuge der gregorianischen Kalenderreform im Jahre 1582 müsste man die
Regel eigentlich eine gute Woche später anwenden. Doch selbst unter
Berücksichtigung der Verschiebung sucht man in historischen
Wetterdaten vergeblich nach einer statistisch auffälligen Häufung von
Kaltlufteinbrüchen und Nachtfrösten während der Eisheiligen. Vielmehr
treten Kaltlufteinbrüche und Nachfröste im Mai eher zufällig auf,
wobei deren Wahrscheinlichkeit mit fortschreitender Jahreszeit
sukzessive abnimmt (siehe Abbildung 1 als Beispiel).
Betrachtet man die letzten 50 Jahre und setzt als Kriterium für
Eisheilige eine Tiefsttemperatur von höchstens 3 °C an, dann trafen
sie im Schnitt nur in einem Drittel der Fälle zu, was sehr wenig ist
für einen Witterungsregelfall. Das Weihnachtstauwetter zum Beispiel
tritt in mehr als zwei Drittel der Fälle ein.
Tatsächlich scheinen die Eisheiligen als meteorologische Singularität
also eher ein Mythos zu sein, der auf regionalen Sondererfahrungen
aus dem Mittelalter fußt und keinesfalls Allgemeingültigkeit besitzt.
Davon losgelöst haben späte Kaltlufteinbrüche im Mai aber sehr wohl
eine herausragende Bedeutung, insbesondere für die Landwirtschaft.
Frostschäden sind trotz oder gerade wegen des Klimawandels ein großes
Thema und können zu erheblichen Ernteeinbußen führen. Die
Klimaerwärmung sorgt tendenziell für einen immer früheren
Vegetationsbeginn, gleichzeitig nimmt die Gefahr später
Kaltlufteinbrüche aber dennoch nicht signifikant ab. Ausgerechnet der
Mai ist nämlich der Monat mit dem klimawandelbedingt geringsten
Temperaturanstieg (siehe Abbildung 2).
Die Eisheiligen haben zumindest als mystischer Platzhalter für die
generelle Spätfrostgefahr im Mai ihre Daseinsberechtigung. Aber:
Nicht der Mythos selbst entscheidet darüber, wie das Wetter wird,
sondern das Wetter selbst.
Dipl.-Met. Adrian Leyser Sturm
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 09.05.2026
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